theresa rath
   
   home

 news

 vita

 bibliographie

 kostprobe

 termine

 galerie

 presse

 links

Der Mensch Egon

Die ersten Tage in der Wüste waren wie ein sehr realer Traum gewesen. Die Erde dort war so fremd, dass es nicht möglich schien, dass mit dem Flugzeug die bekannte Welt innerhalb von wenigen Stunden zu erreichen war. Die Sterne dort schienen  klarer und warfen ihr gelbes Licht großzügig über die Dünen; die Geräusche aber waren seltsam und zauberhaft.

Sie waren beinahe ohne Unterlass geritten, auf dem Rücken ihrer Kamele, und hatten, die brennende Sonne im Rücken, die karge Pracht der Umgebung bestaunt.

Dann war jene Nacht gekommen. Als sie sich am Abend zum Schlafen hingelegt hatten, hatte ihr einheimischer Führer ihnen verkündet, dass sie bereits die halbe Strecke nach Al-Dschad zurückgelegt hatten. Egon und Jonathan hatten sich gefreut, denn in der Oase würden sie die Möglichkeit haben, sich zu waschen und zu erholen, bis sie weiter in den Norden ziehen würden. Aber als sie am nächsten Morgen aufgewacht waren, hatten sie bald erkennen müssen, dass ein schreckliches Unglück über sie hereingebrochen war: Der Führer hatte sich davongemacht, hatte die Kamele mit sich genommen und das Geld, das sie ihm gezahlt hatten, damit er sie sicher durch die Wüste führe. Auch von den Vorräten an Nahrung und Wasser hatte er ihnen nur wenig zurückgelassen, sodass sie sich plötzlich ganz allein in einem Meer aus Sand wieder gefunden hatten, einen unbarmherzigen Feuerball über ihren Köpfen und ausgesetzt wie Kinder in einem unendlichen Wald. Wenn sie nun an den Mann zurückdachten, der sie durch die Wüste geführt hatte, schien es plötzlich, als seien die brennenden, ägyptischen Augen, die sie durch den Schlitz in seiner vor der Sonne schützenden Verschleierung hatten sehen können, von Anfang an Verräter seiner bösen Absicht gewesen und als hätten sie schicksalhaft gefunkelt. Zu spät war ihnen das Wesen des Mannes, dem sie ihr Leben anvertraut hatten, enthüllt worden, und im Nachhinein waren seine Freundlichkeit und Unterwürfigkeit nur noch offenkundige Boten eines schlimmen Unheils.

Zunächst waren sie wie betäubt gewesen, als sie erkannt hatten, dass sie sich nun auf einem Spießrutenlauf befanden, der sie, wenn sie nicht schnell genug sein würden, ihr Leben kosten würde. Noch mehr war ihnen da die Wüste wie ein Traumland erschienen und beinahe hatten sie gehofft, sie würden aufwachen, wenn sie sich nur genug anstrengten. Schließlich aber hatten sie entschieden, dass jedes Zögern, jede Minute des Stillstandes die Wahrscheinlichkeit, sie könnten aus eigener Kraft und mit den begrenzten Vorräten, die ihnen zur Verfügung standen, Al-Dschad erreichen, verringern würde. Sie hatten sich am Stand der Sonne orientiert und entschieden, immer weiter in die Richtung zu gehen, in die ihr Führer sie zuvor gelenkt hatte.

Seitdem waren sie ohne Unterbrechung gelaufen und liefen noch, als der gelbe Ball langsam zu sinken begann und die Temperaturen erträglicher wurden. Unterwegs hatten sie schreckliche Zweifel geplagt. Wie vor den Kopf geschlagen von einer so plötzlichen Wendung der Dinge, war auch alles, was vorher gewesen war, nichtig geworden. Aufgrund bloßen Fehlens einer anderen Möglichkeit hatten sie auf die Richtung vertrauen müssen, die ihr Führer ihnen gewiesen hatte, welchem sie nicht hatten vertrauen können. Was, wenn die Richtung sie von Anfang an von der Oase weg anstatt zu ihr hin geführt hatte? Was, wenn jeder Schritt, den sie nun machten, sie weiter in die Wüste und die Dürre hinein führte, hinzu auf ihren sicheren Tod? Sie mussten vertrauen, hoffen, dass die Flucht ihres Führers eine spontane Entscheidung und nicht eine auf lange Hand geplante Irreführung nichts ahnender Fremder gewesen war. Wenn sie sich nicht mehr an die Hoffnung klammern konnten, dass wenigstens die Richtung, die er ihnen genannt hatte, stimmte, an was dann?

Die Wanderung hatte sie ausgelaugt. Schon als Reiter auf den Kamelen waren die Reise beschwerlich und die Hitze kaum erträglich gewesen. Nun aber, zu Fuß, war es die reine Hölle. Jeder Atemzug brannte, jeder Schritt schmerzte. Die Wüste hatte sich vor ihnen gewandelt. Nun konnten sie sie sehen, als das, was sie ist: Ein Ort der Angst, an dem ihr Innerstes nach Außen getragen wurde, und nur derjenige überlebt, der am zähesten ist.

Sie teilten sich die Rationen sorgsam ein. Beide achteten darauf, nicht mehr als der andere zu nehmen, damit kein Streit entstünde, denn instinktiv ahnten sie, dass ein Streit in einer solchen Situation nicht das sein würde, was er unter ihnen bekannten Umständen war. Wenn sie gegessen und getrunken hatten, legten sie kurze Ruhepausen ein und gingen danach schweigend weiter. Je länger sie liefen, desto mehr strengte das Sprechen sie an und desto weniger hatten sie zu sagen. Hatten sie vorher noch das ein oder andere miteinander gesprochen, um sich zu unterhalten oder die Angst zu unterdrücken, so spürten sie jetzt, dass dies kein Ort der Worte war. Hier waren sie reduziert auf das, was sie waren, und keine andere Existenz konnte sie retten vor den Bedingungen der Wüste. Mit den Stunden wurde ihr Blick stumpfer, in der Nacht schliefen sie traumlos, aber kurz, und schienen sich beinahe auf einer anderen Bewusstseinsebene zu befinden, die sie ähnlich den Tieren halbwach sein ließ, und aufmerksam nur den Dingen von Bedeutung gegenüber.

Und schließlich passierte es. Es war die dritte Nacht und die Wüste hatte begonnen, ihre Substanz anzugreifen. Die Gesichter der Männer wirkten bereits wie aus Leder und ihre Stimmen waren rau, sodass es, wenn sie sprachen, klang wie das kurze Aufbellen eines Hundes. Sie errichteten ihr Nachtlager zwischen zwei Dünen, auf ein Feuer mussten sie verzichten, da sie kein Holz hatten. Dann nahmen sie ihre Abendration zu sich, teilten sehr genau und gerecht Wasser und Brot zwischen sich auf. Egon bemerkte, dass das Wasser nicht mehr lange reichen würde und Jonathan erwiderte nichts. Danach legten sie sich schlafen.

Es dauerte nicht lange, da wurde Jonathans Atem ruhiger, und schließlich begann er, ganz leise zu schnarchen. Egon jedoch lag wach. Er fror, denn längst hatte die beißende Kälte der Nacht die Hitze des Tages abgelöst und kroch wie ein unbekanntes Tier in seinen Schlafsack.

So wälzte er sich von einer Seite zur anderen und obgleich er nicht denken wollte, ließen ihm die Gedanken keine Ruhe, bissen sich fest und machten ihm Angst. Wann immer er aufhörte, zu laufen, begannen diese Gedanken, plagten ihn mit ihrer Eindringlichkeit und schienen ihm zuzuflüstern: Du bist verloren.

Den ganzen Tag über hatte er sich schwindlig gefühlt, nun aber, da er lag, war es, als schwanke der Boden unter ihm. Da schob sich, wie von sehr weit hinten, ein anderer, neuer Gedanke zwischen die, die ihn seit Tagen verfolgten. Er war zunächst sehr leise und mehr ein körperliches Gefühl als eine konkrete Idee. Dieses Gefühl saß in der Kehle und im Bauch und war aufgeblasen und groß und unersättlich. Es brannte wie Feuer und schien nach etwas zu verlangen, und es dauerte eine Weile, bis Egon erkannte, was es war. Durst. Er hatte Durst, schrecklichen, alles übersteigenden, unerträglichen Durst. Im selben Moment, da er dies erkannte, wurde das Gefühl zu dem Gedanken, der schon vorher in Bauch und Kehle gesessen haben musste, unterdrückt von Furcht und Entsetzen vor seiner unglaublichen Kraft.

Sie hatten noch etwas Wasser. Mit Glück und wenn sie sehr sparsam waren, dann würde es noch für eineinhalb Tage reichen, obwohl es kaum mehr als ein Liter war. An dieses Wasser dachte Egon jetzt, an das Wasser, welches kaum einen Meter von ihm entfernt in einer Tasche in einem Kanister lag, und welches so unermesslich wertvoll war. Er glaubte, fühlen zu können, wie er den Kanister ansetzte und in großen Schlucken daraus trank, wie das Wasser seinen trockenen Mund befeuchtete und seinen leeren Magen füllte, ihn von innen heraus kühlte und schwer und ruhig machte -  An diesem einen Liter hing ihrer beider Leben, Jonathans und seines, das wusste Egon. Schon in den letzten Tagen hatten sie nur so wenig getrunken, wie es ihnen irgendwie möglich gewesen war, ohne dass sie den Verstand verloren. Wenn er es jetzt tränke, dann würde er Jonathans Tod provozieren, und seinen eigenen vielleicht ebenso. Er hatte keinen Anspruch auf eine größere Ration als Jonathan, er durfte seinen Freund nicht benachteiligen, denn er war alles, was er noch hatte in dieser endlosen Wildnis -  Beinahe glaubte er nahebei das Plätschern eines Baches zu hören und das Ziehen in seiner Magengrube wurde noch mächtiger - Er würde nicht nachgeben. Wenn er jetzt das Wasser austrank,  dann wären ihre ganzen Strapazen der letzten Tage umsonst gewesen, dann hätte er in wenigen Sekunden ihre letzten Hoffnungen zerstört. Wie sollte der morgige Tag werden, wenn sie nichts mehr zu Trinken hätten? Was würde Jonathan sagen? – Wenn er die Augen öffnete, konnte er kaum noch die Sterne klar sehen. Wenn er nur ein bisschen etwas trinken würde, dann würde sein Kreislauf sich beruhigen, dann würde er wieder klar sehen und vielleicht auch wieder klar denken können, dann würde dieser unerträgliche Schwindel aufhören. Wie sollte er denn morgen weitergehen, wenn er schon jetzt das Gefühl hatte, kaum mehr als ein paar Schritte machen zu können? So muss es sich anfühlen, von innen heraus zu vertrocknen, dachte er, und wieder stiegen die Bilder eines Baches, eines mit Wasser gefüllten Glases, eines Waschbeckens vor ihm auf.

Er setzte sich auf. Die Welt schwankte. Plötzlich spürte er, dass seine Hände zitterten und von kaltem Schweiß ganz nass waren.

Nur einen Schluck, entschied er. Einen winzigen, kleinen Schluck, das wird gar nichts ändern. Wir werden eben morgen beide einen halben Schluck weniger trinken. Das wird nichts schlechter machen.

Wie bekräftigt von der nach langem Grübeln getroffenen Entscheidung stieg er aus seinem Schlafsack, kniete bei der Tasche mit dem Kanister nieder und öffnete den Reisverschluss. Bemüht leise nahm er den Kanister heraus und schraubte den Deckel ab. Das Sternenlicht erhellte die Szene und die Strahlen spielten mit dem verbliebenen Wasser. Er sieht noch so voll aus, dachte Egon, und ganz vorsichtig, als würde das verhindern, dass das Wasser weniger würde, setzte er den Kanister an die Lippen und nahm einen Schluck. Das kühle Nass war eine Wohltat für seinen geschundenen Mund, kühlte seine Angst und beruhigte seine zitternden Glieder. Ohne es zu wollen, trank er noch einen Schluck und dann noch einen. Es war, als hätte sein Körper die Kontrolle übernommen. Er dachte nicht mehr daran, dass das Wasser endlich war, dass der Kanister einen Boden hatte, dass danach nichts mehr kommen würde. Wie ein mächtiger Sog entwickelte sich sein Atem, tief aus seinem Inneren schien eine Kraft entsprungen, die an sich riss, was ihr nicht gehörte. Egon vergaß, was er tat, er vergaß den folgenden Morgen, vergaß die Hitze, vergaß Jonathan und die Qualen, die folgen würden, wenn sie kein Wasser mehr haben würden, vergaß alles, was nicht zu diesem einen großen, allumfassenden Wollen gehörte, was in ihm wirkte. Schließlich wurde seine Not weniger, er hatte das Gefühl, als schlösse sich in ihm ein Graben, der irgendwann einmal aufgerissen war, und so nahm er noch ein paar weitere Schlucke und setzte dann den Kanister ab. Es war nicht einmal mehr ein Drittel dessen übrig, was vorher darin gewesen war. Als Egon das sah, überschwemmte ihn heiß das Entsetzten, doch es wollte kein ganz ehrliches Entsetzen werden, denn etwas in ihm war befriedigt, er war nicht mehr durstig, nur noch müde, und sein Bauch gluckerte unheilvoll.

Jetzt ist es passiert, dachte er, kroch zurück in seinen Schlafsack, und, als habe er nach einer langen Unruhe endlich Frieden gefunden, schlief er ein.

Der Streit, der am nächsten Morgen ausbrach, war kurz und von einer anderen Art der Heftigkeit, als die, die Egon kannte. Als sie ihre morgendliche Portion Wasser zu sich nehmen wollten, entdeckte Jonathan, dass kaum noch etwas übrig war.

„Da muss ein Loch im Kanister gewesen sein“, sagte Egon, aber er wusste, dass Jonathan herausfinden würde, was er getan hatte. Tatsächlich suchte dieser den Kanister nach einem Loch ab, aber nur sehr halbherzig, denn es gab keinen Grund, warum der Kanister plötzlich undicht geworden sein sollte. Auch wäre dann alles Wasser herausgelaufen und nicht nur ein Teil davon.

„Du hast es getrunken“, sagte Jonathan schließlich.

Egon brauchte nichts zu erwidern. Sie beide wussten, wie es gewesen war, und sie beide wussten, was es bedeutete. Jonathan stand auf und schlug Egon mit voller Kraft ins Gesicht. Dann schulterte er seinen Rucksack und bedeutete Egon, dass es Zeit sei, aufzubrechen. Eine Zeitlang erwartete Egon noch, dass Jonathan ihm Vorwürfe machen würde, aber dann verstand er, dass es nichts zu sagen gab. Egon hatte seine Entscheidung getroffen, als er in der vergangenen Nacht das Wasser getrunken hatte, und er hatte so sehr für sich selbst wie für seinen Freund entschieden.

Es war, als läge das Gesetz der Wüste über allem, was sie taten: Was geschehen war, war geschehen. Was lohnte es, darüber zu sprechen? Und noch mehr steckte hinter Jonathans Schweigen. Die Ohrfeige, die er Egon gegeben hatte, war schmerzhaft gewesen, aber dieser war sich sicher: Eine Woche zuvor hätte sie doppelt geschmerzt. In Jonathans Schlag und Stille lag bereits eine verhängnisvolle Kraftlosigkeit, ein Tribut an Sand und Hitze.

Nun hörten sie vollends auf zu sprechen. Wie eine zynische Bemerkung eines unsichtbaren Beobachters störte nur das Kreischen der Geier hin und wieder die Geräuschlosigkeit, begleitet vom Schlurfen langsamer werdender Schritte im Sand. Alles schien nun zu verschwinden; Egons Hoffnungen verschwammen mit dem ewigen Blau am Horizont. Er glaubte nicht mehr, wie in den vorhergegangenen Tagen, weit entfernt einen Palmenhain zu sehen oder das Geräusch eines sich nähernden Autos zu vernehmen. Selbst das schlechte Gewissen, welches er gestern Abend noch erwartet hatte, stellte sich nicht ein. Es gab nur noch einen unendlichen Weg zu gehen, und jeder Schritt war ein Teil davon, führte sie ihrem Ziel zu oder von ihm fort.

Am Mittag machten sie eine kurze Pause, um zu essen und zu trinken. Egon lehnte ab, als Jonathan ihm den Kanister hinhielt, aber dieser runzelte nur die Stirn und schüttelte den Kopf, sodass Egon ein paar Schlucke nahm.

Sie gingen den ganzen Nachmittag hindurch bis tief in den Abend hinein, und machten erst Halt, als die Sterne hoch am Himmel standen und ihnen die Füße so schmerzten, dass sie keinen Schritt mehr tun konnten. Dann tranken sie das letzte Wasser. Egon schmiss den Kanister weit in die Wüste hinein, doch Jonathan blickte ihn nur an, mit leeren, großen Augen.

Diese Nacht war anders als die anderen. Nach ein paar Stunden tiefen, aber ermüdenden Schlafes erwachte Egon plötzlich und setzte sich auf. Da sah er Jonathan liegen, der die Augen offen hatte und in den Himmel starrte. Egon dachte, er sei tot, sprang aus seinem Schlafsack und schüttelte den Freund. Dieser aber drehte den Kopf zu ihm und sagte: „Geh schlafen. Du wirst es brauchen.“

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf wie immer, mit dem Unterschied, dass sie zu dem Brot, das sie aßen, kein Wasser mehr tranken. Jonathan sah schlecht aus, aber mit zusammengebissenen Zähnen nahm er seine Sachen hoch und begann die nächste Düne hinaufzusteigen. So gingen sie schweigend und ohne zu denken, mehr Körper als Geist.

Am Nachmittag bemerkte Egon, wie Jonathan immer mehr zurückfiel. Er verlangsamte seinen Schritt und schlug jenem vor, eine Pause einzulegen, aber Jonathan lehnte ab. Auch Egon spürte, wie seine Beine schwerer wurden, und wieder plagten ihn Träume von Wasser. Es war doch seltsam, wie wenig von einem blieb, wenn für das Nötigste nicht gesorgt war…

Die Dünen erstreckten sich endlos, unbarmherzige Berge, auf welchen einem der Sand ins Gesicht geweht wurde, und brutheiße Täler, in denen kein Zentimeter Schatten zu finden war.

Als Egon sich zur Seite wandte und Jonathan nicht dort war, drehte er sich um und sah seinen Freund eine Düne hinab gehen, während er selbst bereits wieder beim Aufstieg war. Er blieb stehen und betrachtete die Figur, die sich ihm langsam näherte und aussah wie ein kleiner, verlorener Fleck in einem gelben Feld. Schließlich erreichte Jonathan die Stelle, an der Egon stand, und ließ sich in den Sand fallen. Sein Gesicht war fahl und überall war seine Haut bedeckt von weißlichem Schweiß und Sandkörnern. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten.

Egon versuchte, ihn hochzuziehen, indem er ihn am Arm nahm, aber Jonathan war schwer und kraftlos. Es überkam Egon in diesem Moment das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Er wusste, dass er Jonathan damit nicht helfen würde, dass es ihn nicht gesund machen würde, wenn er sagen würde, dass es ihm Leid tat, dass er ihn um seinen Anteil an Wasser gebracht hatte, aber Jonathan sah so elend aus, dass Egon plötzlich die ganze Last seiner Schuld und ihr Ausmaß auf sich spürte, und dieses Gefühl war so drückend, dass er meinte, daran zerbrechen zu müssen.

Egon sah Jonathan an und bat ihn um Verzeihung, aber dieser reagierte nicht. Also kniete Egon nieder, schüttelte seinen Freund und hob sein Kinn an, flehte ihn an, ihm zu vergeben, wünschte sich, er hätte nicht getan, was er getan hatte, versprach, er werde ihm helfen, er werde ihn in ein Dorf bringen, in eine Oase, irgendwohin, wo es Wasser gab, würde ihn gesund pflegen und alles wieder gut machen, wenn nur Jonathan endlich wieder aufstehen und weitergehen würde.

Schließlich hörte er auf. Jonathan starrte wie entseelt vor sich in ein Nichts und ein Schleier hing vor seinen Augen.

„Bitte, komm“, sagte Egon und Tränen rannen ihm über die Wangen, obwohl er geglaubt hatte, genug Wasser zum Weinen könnte in seinem Körper längst nicht mehr sein.

Da schien Jonathan zu sich zu kommen, wenn auch nur für einen Moment.

„Ich kann nicht mehr“, sagte er, „geh du weiter und lass mich holen, wenn du irgendwo angekommen bist.“

„Nein“, erwiderte Egon, „wir müssen zusammen bleiben. Ich kann dich nicht hier lassen.“

Er zog Jonathan an der Hand und als dieser nicht aufstand, griff er ihm unter Rumpf und Kniekehlen und mit einer gewaltigen Anstrengung hob er ihn hoch. So ging er mit seinem Freund in den Armen bis zum Gipfel der Düne. Am Gipfel angekommen, knickten ihm die Knie ein und beide, er und Jonathan, fielen in den Sand. Er konnte ihn nicht weiter tragen.

Jonathan selbst war wieder in seinen lethargischen Zustand zurückgekehrt, rollte sich wie ein Embryo zusammen und bedeckte den Kopf mit den Händen.

Egon aber hatte sich, von seiner zusätzlichen Last befreit, wieder aufgerappelt und noch ein letztes bisschen Kraft in sich gefunden. Er sah den Freund an und verstand, dass er nicht weitergehen würde. Er erinnerte sich, an das, was Jonathan noch wenige Minuten zuvor gesagt hatte, dass er ihn holen lassen würde, wenn er Hilfe gefunden hatte. Diese Worte klangen so wunderbar in ihm nach, dass es für einen wilden Moment möglich schien und kurz

war es fast wie am Anfang, als sie noch wirkliche Hoffnung gehabt hatten, sodass Egon seinen Freund an sich drückte und ihm versprach, er werde wiederkommen.

„Ja“, sagte Jonathan, nahm die Hände von seinem Gesicht, welches bereits wie das eines Toten aussah und blickte Egon mit flackernden Augen an. „Du wirst kommen.“

Dann ließ er seinen Kopf zurück in den Sand fallen und Egon legte seinen Rucksack neben Jonathan ab, als wolle er ihn als Freundschaftspfand zurücklassen und damit sein Versprechen bestärken, er werde wiederkommen.

„Bau dir aus Schlafsack und Rucksack einen Schutz gegen die Sonne“, sagte Egon zu Jonathan und wusste nicht, dass er selbst keine Ahnung hatte, wie er das hätte anstellen sollen. Jonathan nickte und wortlos nahmen sie Abschied, Jonathan im Sand liegend, kaum noch bei Bewusstsein, Egon getrieben vom überstarken Willen zu leben.

Als Jonathan das erste Mal seinen Kopf wandte, war Egon bereits zu einem kleinen Punkt am Hang der Düne geschrumpft, und als er ihn zum zweiten Mal wandte, konnte er ihn nicht mehr sehen.

Die Stunden vergingen, aber Jonathan spürte sie nicht. Alle Gedanken in ihm hatten sich zu einem kleinen schwarzen Punkt verengt, der viele Dinge enthielt, die er vergessen hatte. Es war nichts mehr wichtig. Er spürte kaum mehr die Sonne, hörte nicht die Geier, die über ihm ihre Kreise zogen, fühlte keine Angst und keine Hoffnung. Er lag da und wartete und wartete nicht, denn alles, was Warten bedeutet, hatte für ihn längst die Bedeutung verloren.

So trocknete die Hitze seinen Körper aus, und alles verlangsamte sich. In seinen letzten Momenten jedoch, schon ganz in der Welt zwischen Leben und Sterben, stieg in Jonathan noch einmal ein Bild auf, das wir kennen: Ein Kanister, gefüllt mit ein wenig Wasser, und danach eine unwirkliche, weil nie erfahrene Erinnerung: Egon, der das Wasser in jeder Wüstennacht trank und damit Jonathans Schicksal besiegelte.

Da dachte und fühlte Jonathan etwas, was er zuvor nicht gefühlt hatte. Leise sagte er zu sich selbst: „Ich hätte es auch getan.“

Dann versanken der Kanister und Egon wieder in den versengenden Strahlen der Sonne und Jonathan kehrte in seinen Zwischenzustand zurück. Als die Sonne nach Osten zu wandern begann, kamen die Geier langsam näher und der kleine schwarze Punkt verdichtete sich.